Kinder und Medien sind kein Problem

Kinder und Medien sind kein Problem

Für ein konstruktives Miteinander mit Medien.

Ich bin verzweifelt. Ich muss mich täglich gegen Konzerne durchsetzen, die versuchen, meine Kinder in ihren Bann zu ziehen.“ Mit diesen krassen Worten begann diese Woche eine Unterhaltung mit einem Vater. Es ging um Medien. Und Kinder.

Ein Ringen, das sehr viele Väter und Mütter teilen. Lässt man zuviel zu, droht man seine Kinder an passives Konsumieren zu verlieren (und werden die nicht auch dumm davon?). Setzt man zu strenge Regeln, verlieren entweder die Kinder den Anschluss im Freundeskreis oder wir das Vertrauen unserer Kinder. Oder sogar beides. Was tun?

Patentrezepte gibt es keine. Mitarbeiter grosser Tech-Konzerne wie Google, Apple und Yahoo unterstützen die Low-Tech-Bewegung. Und schicken ihre Kinder vermehrt an Schulen, die auf eine technologiefreie Lernumgebung setzen. Unsere Schulen (und viele Eltern) bewegen sich eher in die entgegengesetzte Richtung.

Dabei gibt es erprobte Lösungen.

Wir als Familie und unsere Freunde haben Wege gefunden, wie wir konstruktiv mit Medien umgehen. Und das Beste: unsere Kinder sind mit im Boot. Hier ein paar Ideen für Dich:

Der erste Schritt: Die Familienkonferenz.
Der ergänzende Schritt: Hol Deine Freunde ins Boot.
Der große Schritt: Medien in der Schule.
Der selbstlose Schritt: Vorbildliche Medienkompetenz.
Der schwerste Schritt: Bleib konsequent.
Der intensivste Schritt: Glücklich mit Medien.
Der beste Schritt: Beziehungen pflegen.

 

 

Eine Familienkonferenz. 

Kennst Du nicht?

Das sollte sich ändern. Wenn es Dir so geht wie mir, erwerben Deine Kinder schneller eine eigene Meinung und Gestaltungswillen, als Du „Holla, die Waldfee!“ sagen kannst. Das ist toll und kein Grund zur autoritären Panik.

Im Alter von 11-12 Jahren wechselt der Haupteinflussnehmer vom Vater zu den Freunden. Mit dem Beginn der Pubertät beginnt auch die aktive Ablösung der Kinder von ihren Eltern. Das fühlt sich erstmal blöd an. Wir Erwachsenen werden infrage gestellt und die Bedingungen des Zusammenlebens müssen neu verhandelt werden.

Wenn Du jetzt durchgreifst und zu sehr versuchst, das Kind an Dich und Deine Regeln zu binden, bewirkst Du eher das Gegenteil. Hier erleben viele Kinder den ersten negativen Beziehungsbruch im Verhältnis zu ihren Eltern. Besser ist es, Dein Kind zum Mitgestalten einzuladen und es ernst zu nehmen.

Um das zu zeigen, ist es sinnvoll Gesprächsräume zu öffnen. Zum Beispiel mit einer Familienkonferenz. Klingt offiziell? Soll es auch. Das ist ein bewusster Termin, der angekündigt wird. Wie im Büro, solltest Du bei einem Treffen, das Du ansetzt, im Vorfeld auch die Agenda verkünden. So können sich alle dazu schon mal Gedanken machen.

Zur Familienkonferenz trefft ihr Euch an Eurem Lieblingsplatz im Haus, mit etwas zu Knabbern oder zu Trinken. Dann eröffnest Du das Gespräch. Idealerweise mit einer kleinen Einleitung: Worum geht es? Was ist das Ziel dieses Treffens? Welche Regeln gibt es?

Als Vater hältst Du Dich mit Deiner Meinung bis zum Schluss zurück. Achte darauf, dass jeder zu Wort kommt und sich an die Gesprächsregeln hält. Es wäre toll, wenn die Aussagen der Familienmitglieder nicht bewertet würden, sondern jeder äußern kann, was ihm auf dem Herzen liegt und wichtig ist. Du steuerst das Gespräch, indem Du Fragen stellst.

Dann teilst Du Deine Meinung oder Eure Haltung als Ehepaar mit. Hier solltest Du Dir/ihr euch im Vorfeld überlegt haben, was für Euch verhandelbare Aspekte sind und wo ihr Grenzen setzt. Denn jetzt wird verhandelt. Sorg dafür, dass jedes Deiner Kinder wirklichen Einfluss nehmen kann auf das, was ihr am Ende beschließt. Manchmal ist das sogar wichtiger, als eine Grenze zu halten. Denn erst, wenn ein Kind erfahren hat, dass es ernst genommen wird, lernt es, dass seine Meinung wichtig ist.

Am Ende beschließt ihr gemeinsame Regeln im Umgang mit Eurem Thema. Es ist schön, wenn diese Regeln festgehalten werden. Dann gibt es im Nachhinein keine Unklarheiten und Diskussionen. Vielleicht habt ihr ja sogar einen Platz, wo diese neuen Regeln (die ja noch gelernt werden müssen) präsent angebracht werden können.

Und dann steht Eurem harmonischen Miteinander auch in kontroversen Themen nichts mehr im Weg. 

Vertrauensstärkendes PLUS: Wenn Du bei einer Abmachung Bedenken hast, sie aber für eines Deiner Kinder wichtig ist, kannst Du sie unter Vorbehalt annehmen. Lass Dein Kind dann wissen, dass diese Regel erst erprobt werden muss und Du später (am besten nach einem wertschätzenden Gespräch mit Deinem Kind) entscheidest, ob diese Regel so bleiben kann. Du wirst Dich wundern, wie einsichtig Kinder dann oft im Nachhinein sind.

 

 

Hol Deine Freunde ins Boot.

 

Wenn ihr als Familie gemeinsame Regeln für den Medienkonsum festlegt, habt ihr schon mehr gemacht, als die meisten. In der Folge werdet ihr feststellen, dass Eure Kinder bei anderen Familien ungeregelte Medienzeiten erleben. Je nachdem, wie ihr lebt und Eure Kinder gestrickt sind, kann das zu Neid oder Verlangen führen.

An dieser Stelle ist zuerst ein Realitätscheck wichtig: Es ist gut sich gemeinsam zu vergegenwärtigen, dass unsere Familie nach anderen Regeln lebt, als andere Familien. Kinder verstehen das, solange sie Euch abnehmen, dass ihr ihr Bestes wollt. Wenn wir Medienregeln festlegen, dann ja nicht, weil wir Angst haben, dass wir eines Tages alle Filme verbraucht und alle Musik weggehört haben. Der Grund ist der Erhalt und die Förderung unseres Wohlbefindens und unserer Leistungsfähigkeit und der Schutz unserer Herzen.

Sollten die Kinder Freunde haben, die so ganz anders ticken als ihr, kann das schwierig sein. Hier braucht es ein offenes Gespräch ohne Kinder. Und etwas Mut. Denn nicht jeder teilt unseren Wunsch, den Medienkonsum unserer Kinder zu regulieren. Tatsächlich nutzen viele Eltern die Medien, um sich selbst etwas Ruhe zu verschaffen. Das ist eine Form der Verwahrlosung. Rüdiger Maas sagt dazu: „Unter Grundschülern haben wir festgestellt, dass Kinder, die stark überbehütet werden, ähnliche Auffälligkeiten zeigen wie Kinder, die vernachlässigt werden. Beide Gruppen zeigen Entwicklungsverzögerungen, haben Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion.“

Es muss also unser Interesse sein, unseren Kindern (und auch uns selbst) einen guten Umgang mit Medien beizubringen. Dieses Interesse dürfen wir auch gerne gegenüber anderen vertreten. Wenn unsere Kinder zu ihren Freunden spielen gehen, erwarten wir als Eltern, dass gefährliche Dinge wie Messer, Waffen, Feuer und so weiter weggeräumt sind. In Bezug auf Medien sollten wir da nicht inkonsequent sein.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kinder uns dankbar sind, wenn wir unsere gemeinsamen Regeln ernst nehmen und auch mit Freunden eine Übereinkunft treffen. Oft genug kommen unsere Kinder nach Stunden des analogen Spielens und sagen: „Danke, dass Du uns Medien verboten hast. Das hat so viel Spaß gemacht.“ Und wenn die annähernd selben Regeln auch bei Freunden gelten, sind die Kinder sicher und gelöst. Sie müssen nicht jedes Mal neu verhandeln, sondern können sich aufs Spielen konzentrieren.

 

 

Bring das Thema in die Schule.

 

Okay, das ist jetzt schon ziemlich ambitioniert.
Das Schulsystem ist kompliziert und durchgetaktet. Da ist kaum Platz für andere Themen, als die die auf der Agenda stehen. Und trotzdem gibt es Gestaltungsspielräume. Die Du nutzen kannst, wenn Du möchtest.

Gute Schulen werden mit Medien transparent und lernend umgehen. Sie machen sie auch mal zum Thema. Zum Beispiel an Elternsprechtagen, im Klassenrat oder sogar in Abendveranstaltungen. Denn so beansprucht Lehrer und Lehrerinnen auch sind: Ihr Herz schlägt für die Kinder, die sie unterrichten. Und sie möchten Kinder grundsätzlich zukunftsfähig, empathisch und selbstbewusst erziehen. Daran kann man anknüpfen.

Ich habe zum Beispiel (erfolglos) versucht, in der Klasse meiner Tochter zur Kommunikation das datenschutzkonforme Signal durchzusetzen. Wir melden uns bei Lehrern, die wiederholt Filme dazu einsetzen, die Klasse zu beschäftigen, während sie anderweitig unterwegs sind. Und wir besuchen Informationsveranstaltungen der Schulen, wenn über Medien referiert wird, um dem Thema mehr Bedeutung zu verleihen.

Gleichzeitig kann man sich aber auch bei Aktionen einbringen, die den Kindern Selbstwirksamkeit ermöglichen. Ob es Bau- und Basteltage während Aktionswochen sind oder die Begleitung bei Klassenfahrten – oft genug freuen sich Lehrende über Unterstützung. Zum Beispiel habe ich vor Kurzem drei Doppelstunden Kunstunterricht in der Klasse meiner Tochter gemacht, weil das Thema „Comic“ mir liegt. Ich bin Designer geworden, weil ich im Kunstunterricht ein Comic zeichnen sollte. Für mich war es wichtig, den Kindern zu zeigen, dass sie Comics nicht nur lesen, sondern auch selbst zeichnen können. Und es hat richtig viel Spaß gemacht.

Immer wenn wir Zeit mit unseren Kindern gestalten (nicht entertainen), ermöglichen wir unseren Kindern das Lernen von Sozialkompetenzen, Selbstwirksamkeit und Kreativität. Nutze das, um die analoge Zeit Deiner Kinder mit guten Erlebnissen zu füllen. Vielleicht sogar auch mal die Zeit im Verein oder der Klasse Deiner Kinder.

 

 

Sei ein Vorbild.

 

Ich kann mich daran erinnern, dass mein Papa sein Bier oft auf das Schuppendach gestellt hat. Wenn wir im Sommer gegrillt haben, stand mein Vater nämlich am Grill und hat dabei gerne ein Bier getrunken. Wenn ich vom Spielen dazukam, hat er sein Bier aber auf das Dach des Geräteschuppens gestellt und nicht weitergetrunken. Das ist mir aufgefallen. Weil er nämlich auch immer wieder davon gesprochen hat, dass man eigentlich lieber kein Bier trinken sollte. Das stimmte für mich nicht überein.

Denk mal an deine Vorbilder.
Was zeichnet sie aus?

In der Regel lautet die Antwort: Integrität.

Integrität ist die Übereinstimmung von Reden und Handeln im Leben eines Menschen.
Um bei dem Beispiel von mir zu bleiben: Das Bier nicht zu verstecken wäre integer gewesen. Auch wenn mein Vater mich schützen wollte (er hat Alkoholmissbrauch in seiner Jugend krass mitbekommen), hat er durch die Art und Weise seine Integrität untergraben.

Wenn Du deinen Kindern Medienregeln verordnest oder sie vor Medien warnst, solltest Du Dich selbst auch daran halten. Sonst zerstörst Du das Vertrauen deiner Kinder in Dich. Als Mann solltest Du integer sein. Als Vater hängt davon auch das Verhalten deiner Kinder ab.

Und es gibt noch einen weiteren Vorteil, wenn Du dich den selben Regeln unterwirfst, wie Du sie den Kindern verordnest. Du kannst Dich besser in ihre Lage versetzen. Du spürst, was sie spüren und kannst so noch besser beurteilen, ob deine Regeln angemessen sind. Das macht Dich gnädiger und eure Absprachen lebenstauglicher.

 

 

Bleib konsequent.

 

Das Zusammenleben innerhalb der Familie funktioniert am besten, wenn man mitwachsende Verhaltensregeln hat. Die Kinder werden älter. Lebenssituationen ändern sich. Da ist es nötig, Gemeinsames immer wieder neu zu verhandeln. Konsequentes Handeln innerhalb der Familie ist kein Käfig aus Regeln. Eher eine Haltung oder eine Art Dinge zu tun.

Das Wichtigste dabei ist Klarheit. Es muss eindeutig sein, was ausgemacht ist. Nicht nur für die Eltern, sondern vor allen Dingen für die Kinder. Regeln sollten unbedingt nachvollziehbar und eindeutig sein. Dann können auch Deine Kinder sie mittragen.

Fehlverhalten sollte Konsequenzen haben. So lernt das Kind, dass sein Handeln Auswirkungen auf sich und andere hat. Dabei sollten Strafen immer eine logische Konsequenz sein, also unmittelbar mit dem Fehlverhalten in Verbindung stehen. Nutzt das Kind das Familientablet ohne Absprache, könnte das Tablet für eine Zeit verschwinden. Oder überzieht das Kind seine Medienzeit, wird die überschüssige Zeit vom nächsten Mal abgezogen. Es liegt in der Hand des Kindes: möchte es Medien nutzen, wird es sich in Zukunft an die Abmachungen halten.

Beim Thema Medienregeln gibt es zudem eine Besonderheit: Digitale Geräte und die darauf verwendete Software (vor allen Dingen Spiele und Filme) sind so angelegt, dass sie häufige Dopaminausschüttungen im Gehirn des Nutzers bewirken. Dopamin ist ein Glückshormon und wird auch beim Essen, beim Sex, Erfolg und Drogenkonsum ausgeschüttet. Und es kann süchtig machen. Aus diesem Grund ist konsequentes Handeln hier besonders wichtig.

 

 

Zeig ihnen, wie schön das Leben ist.

 

Was wünschen sich Menschen allgemein am meisten?
Glücklich zu sein.
Dein Kind wünscht sich das auch.

Zum Glück gibt es viele Wege.
Der beste sind gelungene, tiefe Beziehungen.
Einer Weg sind Medien.
Sie machen kurz glücklich und dann süchtig.
Wenn dein Kind sich in der Nutzung von Medien verliert, dann sucht es nach etwas Glück.

Die Herausforderung:
Die kleinen Glücksgefühle am Handy sind schnell zu bekommen.
Beziehungen brauchen Zeit und sind aufwändiger.
Es ist also logisch, dass Kinder (und andere Menschen) oft den leichten Weg einschlagen.

Die Lösung:
Löse Dopamin auf andere Arten aus.
Zeig deinen Kindern die Welt. Das Leben ist spannend.
Lass sie sich selbst erfahren. Selbstwirksamkeit macht richtig glücklich.
Plane und erlebe Abenteuer mit ihnen. Gemeinsames Erleben schweißt zusammen.
Baut etwas. Macht etwas kaputt. Selbstwirksamkeit ist speziell für Jungs wichtig!
Verdient euch die Kekse und die Milch.
Das Leben ist schön.

Wenn Du mit deinem Kind zusammen rausgehst und etwas erlebst, hilfst Du ihm.
Denn wenn das mediale Glück verfliegt, bleibt Dein Kind leer zurück.
Wenn es eine glückliche Beziehung zum eigenen Vater hat, hält das Glück an.

 

 

Hilf ihm Beziehungen zu pflegen.

 

„Papa, ich habe doch Freunde. Wir unterhalten uns die ganze Zeit über WhatsApp. Und beim Zocken nutzen wir Teamspeak.“ Was für Kinder hier oberflächlich wie Kommunikation und Beziehung aussieht, ist nur ein Bruchteil dessen, was menschliche Beziehungen ausmacht. Eltern wissen das. Entweder, weil sie selbst schon die Grenzen medialer Kommunikation gestossen sind. Oder umgekehrt, weil sie selbst in den Genuß guter Beziehungen gekommen sind.

Die erste und wichtigste Beziehung, die Kinder haben sollten, ist die zu ihren Eltern. Wenn Medien eure Beziehung belasten, dann solltest Du das zur Sprache bringen. Ein gutes Zusammenleben innerhalb der Familie versorgt Dein Kind mit dem nötigen Backup, um da draußen auch mal schwierige Zeiten durchzuhalten.

Das Wichtigste ist, Dein Verhältnis zu Deinem Kind zu pflegen, indem Du Zeit, echtes Interesse und Energie investierst. Vor allem in den Jahren 3-9 braucht dein Kind seinen Vater als ersten Ansprechpartner. Wenn dann die Pubertät kommt und die Hormone verrücktspielen, kann eure Beziehung wie ein Anker wirken.

Mit der Pubertät werden Freunde wichtiger als die eigenen Eltern. Sie übernehmen jetzt eine prägende Rolle im Leben Deines Kindes. Kapsle Dein Kind nicht ab, indem Du seine digitale Kommunikation zu stark regulierst. Mach Dich lieber zu einem nützlichen Partner und hilf ihm, seine Beziehungen zu bewerten und zu gestalten. Ein Soziogramm ist ein sehr wirkungsvolles Mittel, um über die Freunde Deiner Kinder ins Gespräch zu kommen. Damit für solche Gespräche das nötige Vertrauen herrscht, muss Deine Beziehung zu Deinem Kind natürlich gut sein.

Mit Deiner Beziehung zu Deinem Kind steht und fällt alles.
Was kannst Du heute tun, um die Beziehung zu Deinem Kind einen Schritt nach vorn zu bringen?

Daniel Janzen

Daniel Janzen

Ich bin Designer, Stratege und Mentor für Väter und helfe Dir, Deinen nächsten Wachstumsschritt zu finden. Denn gute Vaterschaft verändert Dein Umfeld für immer.